Zurückgelassen und vergessen: Die Katzen von Fukushima

 Veröffentlicht von am 14:42  Kommentieren
 

Ein kleiner Bericht meines Ausflugs nach Fukushima Anfang Oktober 2011, wo ich eine Woche als Freiwilliger bei einer Tierschutz­organisation in den verstrahlten Gebieten mithalf.

Die Lage

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In Minami-Sōma: Vor dem Tsunami waren hier Wohngebiete.

Die Reaktorkatastrophe nach dem Tsunami im März 2011 war ein schlimmer Schlag für die Präfektur Fukushima. Völlig unvorbereitet mußten plötzlich ganze Landstriche evakuiert werden, da das Ausmaß der radioaktiven Verseuchung nicht abzuschätzen war. Um die hundert­tausend Menschen mußten ihre Wohnungen und Häuser im Umkreis von 30 Kilometern um das havarierte Atomkraftwerk Fukushima Daiichi verlassen. Dazu kamen noch etliche in weiterer Entfernung, die aufgrund hoher Strahlenwerte zum Gehen aufgefordert wurden und andere, die aus ähnlichen Gründen selbstständig die Region verließen.

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Optimistische Nachricht eines Milchbauerns in Namie.

Die Evakuierung kam überaus plötzlich und ungeplant. Viele Zehntausende von Menschen mußten in provisorische Notunter­künfte ziehen. Diesen hastig organisierten Notunterkünften war gemein, daß sie normalerweise keinen Platz für Haustiere (und erst recht nicht für Farmtiere) boten. So wurden die Menschen gezwungen, ohne ihre Tiere zu flüchten. Unzählige Hunde, Katzen und alle möglichen Arten von Nutztieren wurden in der evakuierten Zone zurückgelassen.

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Steinerne Winkekatzen wünschen Glück in Fukushima.

Wer also sein Tier nicht bei einem Bekannten unterbringen konnte, hatte wenig Wahl. Da ja auch zunächst nicht klar war, wie lange die Evakuierung dauern sollte, hofften einige vielleicht noch, daß staatliche Stellen oder private Hilfs­organisationen sich um die zurückgebliebenen Tiere kümmern würden, bis ein Zusammenführen mit den Besitzern möglich sein würde. Doch diese Hoffnung auf eine baldige Rückkehr zerschlug sich schon bald und die einzige Hilfe von Seiten der Regierung war die Ankündigung, alle zurückgelassenen Tiere (nicht zuletzt die Nutztiere der Bauern) zu euthanisieren, um ihnen schlimmeres zu ersparen. Diese Maßnahme war das Beste, was man sich in Japan denken konnte. Ein flächendeckendes Netz von Tierheimen und Tierschutz­organisationen wie in Deutschland gibt es nicht. Ähnlich wie in vielen anderen Ländern bedeutet die Abgabe eines Tiers in ein Tierheim die baldige Vergasung desselbens… “Animal Control” hat im Land des Lächelns wenig mit Liebe zum Tier, sondern mehr mit möglichst unauffälliger Entsorgung zu tun.

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Susan von Japan Cat Net bereit zur Abfahrt in Tokio.

Und dennoch gab es Hoffnung: Nur Tage nach der Tsunami­katastrophe schlossen sich eine Reihe privater Initiativen zu der Koalition JEARS (Japan Earthquake Animal Rescue & Support) zusammen, um gemeinsam zu helfen. Bezeichnender­weise werden viele der Hilfsorganisationen von Ausländern geführt. Unter diesen Organisationen ist auch Japan Cat Network, ein sehr kleiner Katzen­schutzverein, der ein Tierheim in Shiga betreibt und dessen Gründerin Susan Roberts sofort bereit war, mit allen Mitteln den Tieren in Fukushima zu helfen. Durch eine zufällige Begegnung in Tokio kam ich Ende September 2011 mit ihr ins Gespräch und sagte kurzerhand zu, am nächsten Tag bei ihr mitzufahren, um für eine Woche in Fukushima mitzuhelfen.

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Ein kleiner Teil unseres ameri­kanischen Essens in Inawashiro.

So kam ich völlig unvorbereitet in die Präfektur Fukushima. Einquartiert wurde sich im idyllischen Inawashiro, wo die Japan Cat Network Freiwilligen eine kostenlose Unterkunft in Form eines kleinen Sporthotels gestellt bekommen hatten. Die Verpflegung bestand aus Spenden amerikanischer Organisationen von Militär­basen, was dazu führte, daß man Unmengen an amerikanischen Junk Food, Snacks und Limonaden zur Auswahl hatte. Vielleicht gesundheitlich nicht völlig unbedenklich, aber zumindest ohne mögliche radioaktive Belastung.

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Bei Futaba in der gesperrten Zone wird die Radioaktivität gemessen.

Als weitere Schutzmaßnahme hatte JCN einen eigenen Geigerzähler, mit dem ständig die Strahlung gemessen wurde. Tatsächlich zeigte sich, daß Inawashiro in einem geschützen Tal liegt, wo die Strahlung mit 0,2-0,3 Mikrosievert nur ganz leicht über den Werten in Tokio lag. Für die Ausflüge in die evakuierte Zone gab es Schutzmasken und auch Schutzanzüge lagen bereit. Da allerdings nicht in die komplett gesperrte 20-Kilometer Zone gefahren wurde, waren die Schutzmaß­nahmen meiner Meinung nach völlig ausreichend.

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Eine hungrige Katze bei einer Fütterungsstation in Yamakiya.

Japan Cat Network hatte sich zur Aufgabe gemacht, in die evakuierten Gebiete der 30-Kilometer zu fahren und sich dort so gut wie möglich um die zurückgelassenen Tiere zu kümmern. Konkret hieß dies, eine Reihe von provisorischen Fütterungs­station aufzubauen und alle paar Tage mit Futter zu versehen. Darüber hinaus wurde versucht, besonders Jungtiere und kranke Katzen einzufangen, zu versorgen und dann an Pflegestellen weiterzureichen. Ferner unternahm JCN die Rettung und Vermittlung von einer ganzen Reihe von Hunden und anderen Tieren (darunter auch ein ganzer Stall mit Dutzende von zurückgelassenen Hühnern). Wo Tierleid war, konnte man einfach nicht untätig bleiben.

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Zurückgelassen: Skelettiertes Huhn im Käfig auf einer Farm.

Denn anders als von staatlicher Seite behauptet, ist die evakuierte Zone keineswegs tierfrei. Susan berichtete von herumstreunenden Hunden und freilaufendem Vieh. In der gesperrten Zone hatte sie ganze Ställe voll mit verendeten Tieren gesehen, die nicht etwa eingeschläfert worden waren, sondern jämmerlich verdursten oder verhungerten. Die ganze Problematik mit den Haustieren wurde offiziell als erledigt angesehen.

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Abgemagerte schwarz-weiße Katze in Fukushima.

Doch wie diese Bilder zeigen sollen, ist dem nicht so. Ohne Hilfe von staatlichen Stellen, mit einer Handvoll von Freiwilligen und angewiesen auf Spenden versuchen die ehrenamtlichen Mitarbeiter von Japan Cat Network in Fukushima zu helfen so gut sie können. Denn in den von Menschen verlassenen Arealen bietet sich ein trauriges Bild.

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Diese hungrige Katze traute sich ganz nah an unser Auto.

Anders, als wir beim Anblick unserer Stubentiger denken, können nur die wenigsten Hauskatzen ohne die Hilfe von Menschen überleben. Nicht nur die beliebten Rassekatzen sind kaum der Lage, ihren täglichen Kalorienbedarf durch Jagd zu decken. Besonders wenn eine Katze dann auch noch Junge kriegt, wird die Situation schnell kritisch. Und in den evakuierten Zonen müssen sich die Katzen zudem gegen andere Konkurrenten wie freigelassene Hunde, Dachse, Tanukis, Füchse, Wildschweine, Schlangen und Raubvögel behaupten. Bei den Fahrten durch die Präfektur sahen wir immer wieder ausgehungerte Katzen, die in der Nähe der Straßen oder bei den Fütterungsstationen darauf warteten, etwas zu essen zu bekommen.

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Dieser Kater hat wahrscheinlich schon alles gesehen.

Denn manche der zurückgelassenen Katzen suchen den Kontakt zu Menschen. Nicht zuletzt deswegen, weil Tierschützer auf ihren sporadischen Fahrten immer wieder Futter an den Rändern der Landstraßen hinstellten, kommen die Katzen aus ihren Verstecken. Dank der unermütlichen Arbeit von Japan Cat Network können so etliche Katzen versorgt werden und die freiwilligen Helfer wissen oft, wo sie auf welche Katzen treffen und wie deren Situation ist.

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Diese neugierige Katze bei Shiro­ishimori hat unser Auto gehört.
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Ein langhaariges Kätzchen wartet in der Nähe einer Futterstation.
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Eine Glückskatze vor ihrem Unterschlupf bei Ushirosawa.
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Eine schwarz-weiße Katze bleibt scheu im Gebüsch versteckt.
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Wir trafen diese weiße Katze bei einem abgesperrten Bauernhof.
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Auch diese Siamkatze wurde von ihrem Besitzer zurückgelassen.
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Eine scheue Bauernhofkatze in einer Seitenstraße schaut zu uns.
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Eine weitere zurückgelassene Katze wartet bei Akougi.
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Ein schwarzer Kater auf einem verlassenen Grundstück.


 

In die evakuierte Zone

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Felder, Berge und Bäume in der Präfektur Fukushima.

Eine Fahrt durch die evakuierten Gegenden ist ganz schön abenteuerlich. Ausgestattet mit dem Geigerzähler wird die ganze Zeit die Radioaktivität gemessen. Die “alten Hasen” von Japan Cat Net wissen um die Verteilung der Verstrahlung auf den regelmäßig abgefahrenen Routen. In Inawashiro liegt die Strahlung noch bei 0,2-0,3μSv, was im Grunde der Hintergrundstrahlung in Deutschland entspricht. Auf dem Weg zu dem Katastrophengebiet (etwa 50-80km von Inawashiro entfernt) beginnt die Strahlung zu steigen, wobei die Werte oft schwanken. An kleinen Hotspots mag die Strahlung 1 Mikrosievert deutlich übersteigen, aber meistens liegt sie darunter.

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In Inawashiro ist die Strahlung mit unter 0,2μSv noch völlig normal.

Kurz vor der gesperrten Zone steigt die Strahlung auf an die 2μSv/h (also das 10-fache der normalen Hintergrund­strahlung), was für uns das Signal ist, Schutzmasken anzulegen. Die meisten Gebiete mit solchen Strahlenwerten sind evakuiert worden, auch wenn sie sich nicht innerhalb der 30-Kilometer Zone um das Kernkraft­werk befinden. Einige Bewohner (vor allem alte Leute, die ihr Leben lang hier gelebt haben) sind an diese Orte zurückgekehrt, werden aber von staatlicher Seite nachdrücklich aufgefordert, umzuziehen.

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Polizeikontrolle bei der Ausfahrt aus der gesperrte Zone bei Namie.

In einem Umkreis von 30 Kilometern um den Reaktor wurde ein Sperrgebiet eingerichtet, welches praktisch komplett evakuiert wurde. Noch näher, nämlich 20km um das Fukushima Atomkraftwerk, ist die verbotene Zone. Dort hinein zu gehen ist seit Sommer 2011 illegal. Dieses Gebiet wurde nach der Reaktor­katastrophe sehr schnell evakuiert, was zu dramatischen Szenen mit den Tieren führte. Susan von Japan Cat Network berichtete mir von riesigen landwirt­schaftlichen Betrieben mit unzähligen toten Schweinen, Kühen und Hühnern, die sie auf ihren Fahrten in diese Zone besucht hatte (als dies noch nicht verboten war). Andere Bauern ließen ihr Vieh frei, welches nun frei in den menschenleeren Gegenden herumläuft. Entlaufende Hunde haben sich zu Rudeln zusammengeschlossen und verwildern zusehens.

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Der Kontrollposten am Zugang zu den gesperrten Gebieten.

Um in die noch begehbare 30-Kilometer Zone zu gelangen, braucht man aber schon jetzt einen offiziellen Passierschein, der nur selten an Nicht-Anwohner vergeben wird. Da Japan Cat Network im Besitz einer solchen besonderen Genehmigung ist, kommen wir an der einsamen Kontrollstation relativ ungehindert durch. Je nach Laune der japanischen Polizisten kann es manchmal aber auch 30 Minuten oder längern dauern, bis der Kleinbus durchgelassen wird.

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Ein verunglücktes Fahrzeug in der evakuierten Zone Fukushimas.

In der Evakuierungszone beginnt die eigentliche Arbeit der Japan Cat Net Helfer. Hier gehören sie zu den ganz wenigen Tierschutz­organisationen, die überhaupt noch in die diese Gebiete fahren dürfen. Natürlich ist ein Abfahren des gesamten 20 bis 30km-Rings unmöglich. Die Straßen sind in keinem guten Zustand mehr und da es sich bei der Region um sehr hügeliges Gelände mit wenigen, aber kurvenreichen Landstraßen handelt, kann man innerhalb eines halben Tages auch nicht jeden Ort abfahren. Zu groß ist das Risiko, nach Einbruch der Dunkelheit irgendwo steckenzu­bleiben oder bei einer Autopanne auf einer unbekannten Straße liegenzubleiben.

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Unser Kleinbus irgendwo im verstrahlten Sperrgebiet.

Mobiltelefone haben in der 30-Kilometer Zone kein Netz mehr. Ebenso wurden hier natürlich Strom, Wasser und Gas abgestellt. Bei einem Notfall kann man sich also ausmalen, was das bedeuten würden. Und trotzdem fahren die JCN Freiwilligen so oft sie können (mindestens mehrmals die Woche) in diese verstrahlten Gebiete, um Katzen und andere zurückgelassene Tiere notdürftig mit Futter zu versorgen.

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So sieht eine gut gefüllte Fütterungsstation aus.

Konkret bedeutet das, daß bei manchen Häusern in Absprache mit den Besitzern unter geschützen Vordächern o.ä. Stellen eingerichtet wurden, wo regelmäßig Naßfutter und Trockenfutter vorbeigebracht werden. Meistens gab es in diesen Gegenden schon Katzen und auf diese Weise wird versucht, die Tiere an bestimmte Orte zu locken, um sie besser zu beobachten. Trotzdem halten alle während der Fahrt die Augen offen, um weitere Katzen­standorte zu entdecken. Wird eine “neue” Katze gesichtet, wird sich die Stelle gemerkt und Futter ausgelegt.

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17μSv: Strahlenmessung an einer Farm in der 30-Kilometer Zone.

Innerhalb der 30-Kilometer Zone fluktuiert die Radioaktivität stark. Es ist offensichtlich, daß die Belastung davon abhängt, wie Wind und Wetter die strahlenden Partikel aus der Kernschmelze in der Region verteilt haben. In manchen Ecken ist die Strahlung mit um die 2-4 Mikrosievert pro Stunde nicht sehr stark erhöht, einige Kilometer weiter können es 10-15μSv/h sein. Die Spitzenwerte, die ich gemessen habe, lagen bei 30 Mikrosievert, was gut dem Hundertfachen der natürlichen Belastung entspricht. So dramatisch sich solche Werte anhören mögen, man sollte bedenken, daß bei einem längeren Flug in einer Höhe von 11km die stündliche Strahlendosis bei etwa 5μSv liegt. Mit Schutzkleidung versehen sollte das Gesundheits­risiko minimal sein, aber länger leben sollte man an solchen Orten nicht mehr.

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Spätsommerliche Idylle in der gesperrten Zone Fukushimas.

Die Landschaft der Präfektur Fukushima ist weitgehend landwirtschaftlich geprägt. Am Fuße der Bandai-Vulkankette gelegen, finden sich zwischen bewaldeten Hügeln Reisfelder, Gewächshäuser und andere agrarische Nutzflächen. Wie das ländliche Japan überhaupt, ist die Gegend sehr grün und fruchtbar. Das alles zeigt sich auch in den menschenleeren Zonen. Langsam ist die Natur dabei, die Straßen und Felder zurückzuerobern. Trotz der unsichtbaren Verseuchung durch die Radioaktivität wirkt alles sehr friedlich, natürlich und idyllisch.

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Die Natur erobert einen evakuierten Bauernhof zurück.
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Strahlenmessung an einer Kreuzung in der gesperrten Zone.
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Diese Erdbebenschäden werden wohl unrepariert bleiben.
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Pflanzen beginnen, im brüchigen Straßenasphalt zu wachsen
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Überwachsene Bushaltestelle im verlassenen Namie.
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Impression aus der 30-Kilometer Zone um Fukushima.


 

Tierrettung

Da Japan Cat Network in der Präfektur Fukushima zur Zeit keine großen Aufnahme­kapazitäten für Katzen hat und auch sonst nur über ein dünnes Netz von Pflegestellen verfügt, wird nur bei offensichtlichen Notfällen versucht einzuschreiten. Es gibt tierfreundliche Fallen, um stark abgemagerte Notfellchen oder Katzenjunge oder schwangere Katzen einzufangen.

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Hoffentlich hat diese Katze nun das schlimmste hinter sich.

Immerhin wurden in der einen Woche im Herbst 2011, in der ich JCN in Fukushima begleitete, 11 Katzen gerettet. Eine schwarze Katze wurde in der Nähe einer Fütterungsstation bei Ushinoshita gesichtet. Es war augenscheinlich, daß diese Katze sehr geschwächt und sichtlich abgemagert war. Keine Frage, daß da versucht wurde, diesem Tier zu helfen. Eine Lebendfalle mit Futter wurde aufgestellt und dann abgewartet, ob die Katze noch fit genug war, um noch an Futter interessiert zu sein. Nach einer Viertelstunde gespannten Wartens dann das Ergebnis: Die schwarze Katze war in die Falle gegangen und ließ sich problemlos im Auto verstauen. Später sollte sie, medizinisch versorgt und etwas aufgepäppelt, bei einer Pflegestelle ein erstes Zuhause finden.

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Dieses Häufchen Elend ist kaum mehr als Haut und Knochen.
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Die schwarze Katze konnte in die Falle gelockt werden.
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In unserem Kleinbus gibt es für solche Notfelle immer Platz.


 

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Kranke Kätzchen bei Torinosu in der Präfektur Fukushima.

Zehn weitere Notfelle wurden auf einem kleinen Bauerhof in Torinosu etwa 30 Kilometer von dem Atomkraftwerk entfernt bei Minami-Sōma gefunden. Mehrere Würfe von kleinen Katzen wohnten hier bei einem älteren Bauernpaar, welches von dem Katzenglück merklich überfordert war. Während ihrer Evakuierung hatten sich mehrere Katzen bei ihnen eingenistet und schließlich Nachwuchs gekriegt. Als wir sie trafen, waren die meisten der Kätzchen unterernährt und krank — Infekte an den Augen und den Schleimhäuten waren offensichtlich. Da keine Aussicht auf tierärztliche Hilfe bestand, bot Japan Cat Net an, sich um die Katzen zu kümmern. Nach längerer Verhandlung konnten wir alle Jungtiere und einige der erwachsenen Katzen mitnehmen, um sie medizinisch zu versorgen und neue Zuhause für die Kittens zu finden.

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Kleine Katze mit schlimmem Augeninfekt wartet auf Hilfe.
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Erstmal gab es eine große Portion Naßfutter für die Kittens.
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Bei dieser Katze war der Augeninfekt schon sehr schlimm.
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Zwei Notfellchen bereit zum Abtransport nach Inawashiro.
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Nach der ersten Untersuchung ist diese Katze schon gut bei Kräften.
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Nächster Morgen: Dieser kleine rote Kater ist schon ganz fit.


 

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Alex bei einem angeketten Hund in der gesperrten Zone bei Shiraoi.

Außerdem wurde an anderer Stelle ein kranker Hund einer älteren Dame versorgt, ein weiterer zur Vermittlung aufge­sammelt, nachdem die Erlaubnis dafür vom Besitzer kam, und ein dritter Hund gefüttert, der angekettet bei seinem alten Zuhause in der gesperrten Zone lebt. Letzter Fall war nicht untypisch. Manche Leute ließen bei der Evakuierung ihre Tiere angekettet auf ihren Höfen zurück, um dann regelmäßig zurückzu­kommen und sich um sie zu kümmern (da ja, wie erwähnt, Haustiere keinen Platz in den Notunterkünften haben).

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Überwachsenes Hundeskelett bei einem verlassenen Bauernhof.

Nicht immer nahm das ein gutes Ende… manche Hunde verhungerten an ihren Ketten oder wurden von wilden Tieren getötet. Susan zeigte mir ein Skelett eines Hundes, der nicht überlebt hatte. Nicht zuletzt die unflexible Haltung der japanischen Regierung, die sich auch in der Behinderung der Arbeit von Tierschutz­organisationen zeigt, ist für solche Fälle mitverantwortlich.

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Eine japanische Polizeipatrouille kontrolliert unsere Papiere.

Auch wir wurden bei unseren Fahrten in Fukushima jeden Tag mehrfach kontrolliert. Obwohl wir mit einer offiziellen Genehmigung in die 30-Kilometer Zone konnten, wurden wir von Polizeikontrollen teilweise bis zu drei Mal an einem Tag überprüft. Neben der berechtigten Angst vor Plünderern spielt hierbei auch ein Unverständnis für die Arbeit von Organisationen wie JEARS eine Rolle, sowie leider auch eine gewisse Diskriminierung gegenüber Ausländern.

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Hunde im Auslauf vor unserer Basis ‘Club Lohas’ in Inawashiro.

Trotzalledem setzt Japan Cat Network seine Arbeit fort. Die Situation der Katzen in Fukushima ist einfach herzzerreißend. Wenn man die Fellnasen sieht, wie sie ängstlich auf die Menschen warten, kann man verstehen, warum die Helfer so viel Zeit und Energie opfern, um bei dem großen Tiersterben in Fukushima nicht tatenlos zuzusehen. Und nicht zuletzt geht es bei der Hilfe von JCN auch darum, Menschen zu helfen. Nach einem Schock wie der Tsunami­katatrophe und der Evakuierung teilweise alles zu verlieren und dann auch noch gezwungen werden, geliebte Haustiere (die auch in Japan für viele echte Freunde sind) zurückzulassen, kann eine schlimme Belastung darstellen. So wurde in Inawashiro auch ein provisorisches Auffanglager eingerichtet, wo neben geretteten Tieren auch Hunde zur vorüber­gehenden Pflege aufgenommen werden, bis deren Besitzer wieder festere Bleiben mit der Möglichkeit zur Haustier­haltung haben.


Was ist zu tun?

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Als Teil von JEARS ist JCN in der Präfektur Fukushima aktiv.

Erstmal ging es mir mit diesem Bericht darum, auf diesen unbekannten Aspekt der großen Reaktor­katastrophe von Fukushima aufmerksam zu machen. Die Probleme der Tierrettung und des Tierschutzes sind real und werden in Japan nur von wenigen Initiativen unterstützt. Japan Cat Network ist eine von ihnen und wie ich bei meinem Besuch feststellen konnte, sehr an Hilfe von außen und Zusammenarbeit mit anderen Organisationen interessiert.

Wer also die Arbeit von JEARS und Japan Cat Network unterstützen möchte, ist dazu herzlich eingeladen. Es gibt dafür eine Reihe von Möglichkeiten:

  • Die praktischste Weise, von Deutschland aus zu helfen, sind natürlich Spenden. Gerade größere Anschaffungen wie der Aufbau von Katzengehegen und die medizinische Versorgung der Notfellchen gehen ganz schön ins Geld. Japan Cat Network verfügt über ein Paypal Spendenkonto (meines Wissens nach unter der Adresse david@japancatnet.com), sowie einen ChipIn Account, auf welche man aus aller Welt Geld überweisen kann. JCN freut sich natürlich auch über Sachspenden, aber aufgrund der hohen Transport­kosten dürfte sich das nicht lohnen. Wer will, kann versuchen, über JCNs Amazon Wunschliste zu spenden (leider alles auf Japanisch).

  • Hoch willkommen sind selbstverständlich auch Freiwillige, die eine Zeit in Inawashiro mithelfen können. Die Unterkunft und das Essen sind kostenlos und auch die Anreise von Tokio oder einer anderen Stadt kann meistens kostenlos organisiert werden. Mir ist natürlich klar, daß sich die wenigsten von Deutschland aus nun aufmachen werden, um sich im Nordosten Japans beim Katzenschutz zu engagieren, aber ernsthafte Interessenten sollten bei Susan von Japan Cat Net anfragen — am besten über ihre Seite bei Facebook.

  • Japan Cat Network ist grundsätzlich an einer Zusammenarbeit mit anderen Tierschutz- und Tiervermittlungsorganisationen außerhalb Japans interessiert. Da in Japan Katzen nicht sonderlich gut vermittelt werden können (und auch in vielen Wohnung nicht geduldet werden), wäre der Aufbau einer Kooperation denkbar, bei der gerettete Tiere aus Fukushima ins Ausland gebracht werden, um sie beispielsweise in Deutschland zu vermitteln. Wer hier Möglichkeiten sieht, eine solche Hilfe mitaufzubauen, bei der Tiere regelmäßig nach Europa gebracht werden, sollte sich ebenfalls an Susan Roberts über ihre Facebook-Seite wenden.

  • Ganz wichtig ist außerdem auch Öffentlichkeitsarbeit! Jeder kann mithelfen, den Notstand und die Arbeit in Fukushima von JEARS/JCN publik zu machen. Teilt diesen Bericht oder verlinkt die Seiten der Hilfsorganisationen, damit sie auch außerhalb Japans mehr Unterstützer bekommen. Sie sind zudem an jeder medialen Bericht­erstattung zu ihren Aktivitäten interessiert — und stehen Journalisten oder Fernsehteams gerne für weitere Informationen bereit.

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Dieser gerettete Stubentiger ist noch immer etwas schüchtern.
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Diese liebe Katze ist schon bereit für ein neues Zuhause.
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Auch diese Schönlinge wurden in der evakuierten Zone aufgelesen.

  3 Antworten zu “Zurückgelassen und vergessen: Die Katzen von Fukushima”

  1. avatar

    Ich danke dir für diesen Bericht!
    Bei allen Berichterstattungen aus Katastrophengebieten kommt der Tierschutz immer zu kurz, kaum jemand, der sich nicht direkt dafür interessiert bekommt etwas davon mit.
    Es ist beruhigendes Gefühl, dass es dort engagierte Vereine wie das JCN gibt aber erschreckend zu hören, auf wie wenig Verständis sie vor Ort treffen.
    Deinen Bericht werde ich natürlich gerne weiterempfehlen, viele Grüße, Katharina

  2. Hallo erstmal, danke für diesen Bericht. Es ist schön zu wissen, dass selbst in diesen Gebieten zumindest ein bisschen an den Tierschutz gedacht wird.
    Mach weiter so!

    lg
    Stephan

  3. avatar

    Hallo,

    also als erstes, eine super Seite! Ich beschäftige mich leider erst seit kurzem mit dem Thema und unglücklicherweise bisher nur auf englischen Seiten. Gefühlsmäßig bin ich hin-und hergerissen, ich schwanke zwischen Wut, Trauer, Hoffnung und Fassungslosigkeit. Wut und gleichzeitige Fassungslosigkeit über die Ignoranz und Gleichgültigkeit der japanischen Regierung. Es ist einfach nicht gerecht, diese Tiere so in Vergessenheit geraten zu lassen. Es sind nicht nur die physischen sondern auch die phsychischen Schäden die ihnen bleiben. Es ist falsch, die Menschen im glauben zu lassen, die Tiere wären in dieser Zone vorerst “sicher”. Es ist eine große Lüge, zu verbreiten, die gemessenen Strahlenwerte seien nicht bedenklich, denn die ausführlichen Studien sagen etwas anderes. Was ist mit den Experimenten, welche an den Tieren durchgeführt werden, auch dies ist nicht so einfach wie es scheint, sie werden just zu diesem Zwecke getötet….Trauer über die bereits gestorbenen Tiere und die, welche komplett auf sich allein gestellt im Ungewissen leben. In dieser Zone gibt es keine Nahrung, kein Wasser. Also ein hoch auf die Tierschutzorganisationen, welche ihnen und uns Hoffnung schenken. Es ist wahr, die Tiere müssen weg von diesem Ort, es ist und bleibt gefährlich für sie, sie brauchen dringend die notwendige Hilfe. Wie schrecklich muss es sein, von heute auf morgen mit einer vollkommen neuen Situation klarkommen zu müssen. Viel schlimmer noch, wenn es einem niemand erklärt, weil man es nicht verstehen kann….Anderer seits ist es gut, das sie nicht alles verstehen. Sonst würden sie die traurige Absicht erfahren, von Anfang an garnicht für eine Evakuierung in Frage gekommen zu sein…Für die Tiere sei kein Platz, so hieße es….
    Es ist mir unbegreiflich, wie die japanische Regierung sich so klamm heimlich aus der Affaire ziehen kann, sollte der Übeltäter der Geschichte nach nicht das größte Gewissen besitzen und für seine Taten gerade stehen?
    So etwas darf man einfach nicht zulassen, ich bitte sehr darum, das die Menschen einschreiten und durch Druck und Überzeugung zu einem Umdenken bewegen. Ich bin mir sicher, das ein Wandel möglich ist, viel realistischer noch, wenn die japanische Regierung sich der Tatsache bewusst wird, das die gesamte Welt auf sie und ihr weiteres Vorgehen achtet. Es ist sehr wichtig, gegen das eigene Ohnmachtsgefühl vorzugehen und sich für andere stark zu machen. Unsere Stimme für die der Tiere.

    Wer an weiteren Hintergrundinformationen interessiert ist und einen Facebook-Account besitzt, kann sich gerne mal auf folgener Seite umsehen:

    https://www.facebook.com/20kmlife

    mit freundlichen und dennoch hoffnungsvollen Grüßen,

    Daniela

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